Der Wandel der Mensch-Tier-Beziehung und die Bedeutung der Medien


Prof. Dr. Thomas Macho

Einstiegsreferat von Prof. Dr. Thomas Macho, Kulturwissenschaftliches Institut der Humboldt-Universität zu Berlin

Der Wandel der Mensch-Tier-Beziehung und die Bedeutung der Medien

1.

Die Tiere sind allgegenwärtig: in Filmen und Medien, in Kunstausstellungen und Diskursen, in Kinderzimmern und Werbebüros. Angesichts ihrer Präsenz läßt sich leicht vergessen, daß gerade jene Tiere, die seit Jahrtausenden mit den Menschen lebten und arbeiteten – nämlich die Haustiere – aus allen konkreten Lebens- und Arbeitskontexten der Moderne verdrängt wurden. Die Rinder wurden durch Traktoren ersetzt, durch Mähdrescher und andere landwirtschaftliche Maschinen, die Ziegen und Schafe durch die Produktion synthetischer Bekleidung. Die Kavallerie wurde gegen Panzerdivisionen ausgetauscht; und zunehmend wurden die ehemals militärisch idealisierten Pferde zu Zugtieren degradiert, die allenfalls jene Gulaschkanonen schleppen durften, in denen sie bei Bedarf gekocht und an die Soldaten verfüttert werden konnten. Die Kutschen wichen den Eisenbahnen und Automobilen, die Lasttiere den Kränen und Baggern, die Brieftauben den Computern und Telefonen. Wollten wir die Grundtendenz des Modernisierungsprozesses in gebotener Knappheit erfassen, so müßten wir sie als progressive Eliminierung der Haustiere durch Maschinen beschreiben. Diese gesellschaftliche Verdrängung der Haustiere reduzierte die Tiere schlagartig auf eine einzige Funktion, die noch kein Wild- oder Haustier jemals zuvor in vergleichbarer Größenordnung erfüllen mußte: auf die Funktion des Massenschlachtviehs. Sobald die Tiere nicht mehr gebraucht wurden, konnten sie verzehrt werden; alle Züchtungsinteressen ließen sich auf einen einzigen Nenner bringen, sobald einmal feststand, daß die Haustiere nichts anderes mehr leisten sollten, als möglichst rasch dick und fett zu werden, um als bratfertige Steaks oder Würste in der Pfanne landen zu können.

Schlachttiere sind keine Haustiere mehr; sie wohnen nicht in Häusern, werden nicht wahrgenommen, angesprochen oder benannt. Sie werden nicht genutzt, sondern verbraucht – oft unter grausamen Bedingungen. Ähnlich ergeht es den Versuchstieren in der pharmazeutischen oder kosmetischen Industrie: Sie fungieren als lebendige Teststoffe, und bleiben zugleich unsichtbar für die Konsumenten. Dagegen bilden die letzten Haustiere, die in einer Arbeitsgemeinschaft mit Menschen leben, eine verschwindende Minderheit: Blindenhunde, Polizeihunde (mit Spürnase bei der Fahndung nach verbotenen Drogen), Fiakerpferde für nostalgische Touristen. Im Schatten der Fleischmärkte entstehen nur ausnahmsweise neue Kooperationsformen zwischen Menschen und Haustieren, die einen Vergleich mit den traditionellen Symbiosen im Zeitalter der agrarischen Hochkulturen rechtfertigen würden. An Stelle dieser agrarischen Symbiosen haben sich parasitäre Strukturen durchgesetzt: Während die Menschen keine Beziehungen zu den Tieren unterhalten, die sie verzehren, werden sie umgekehrt von Tieren kolonisiert, die ebensowenig an Kontakten interessiert sind. In Wien leben beispielsweise gegenwärtig rund zehn Millionen Ratten. Sie besiedeln die ganze Stadt – Parks, Hinterhöfe, Keller oder Kanäle; mindestens sechsmal im Jahr werden Rattenkontrollen in dichtverbauten Wohngebieten durchgeführt. Zahlreiche Großstadtbewohner müssen ihren privaten Lebensraum mit Kakerlaken teilen, die sich nur schwer ausquartieren lassen, wenn sie erst einmal eingezogen sind; kürzlich erst wurden synthetische Kakerlaken-Pheromone propagiert, mit deren Hilfe die Tiere aus ihren Verstecken gelockt werden sollen.

2.

Wer von einer Eliminierung der Haustiere spricht, wird vermutlich heftigen Protest hervorrufen. Sind nicht die heutigen Städte übervölkert von neuen Haustieren – von Hunden, Katzen, Meerschweinchen, Goldhamstern, Kanarienvögeln? Wird nicht fast in jeder dritten Wohnung irgendein Tier gehalten? Allein in Deutschland leben sieben Millionen Katzen und beinahe fünf Millionen Hunde, in den USA rund siebzig Millionen Katzen und fünfundfünfzig Millionen Hunde. Während auf der einen Seite die Massentierhaltungs- und Schlachtungsmethoden perfektioniert werden, erobern auf der anderen Seite die Kuschel-, Schoß- und Heimtiere die Städte. Sie werden nicht gekauft, um ein Arbeitsleben zu teilen; die neuen Heimtiere sind wirtschaftlich relevant, weil sie von einer umsatzstarken Industrie mit Käfigen, Fertigfutter, Medikamenten und Spielzeug versorgt werden. In Österreich werden beispielsweise jährlich 113.000 Tonnen Fertigfutter verfüttert, wofür die österreichischen Tierhalter im Jahr 2001 die stolze Summe von 243 Millionen Euro investieren mußten (und ihre deutschen Nachbarn mehr als eine Milliarde Euro). Die Qualität dieses Fertigfutters ist zumindest umstritten. Tierschutzorganisationen erinnern gerne daran, daß etwa 1984 beinahe dreißig Millionen Heimtiere in den USA eingeschläfert wurden; immer häufiger konnte die Entsorgung von rund 600.000 Tonnen Tierkadaver nicht mehr von Mülldeponien und Verbrennungsanlagen allein bewältigt werden. Die toten Tiere wurden daher bald von Fleischverarbeitungsfabriken preiswert eingekauft, zerhackt, mit anderen Schlachthausabfällen vermischt und wieder an Tierfutterhersteller verkauft.

Die wesentliche Funktion der Schoß- und Heimtiere besteht schlicht darin, zu unterhalten und zu amüsieren, Kinder oder Freunde zu ersetzen, zu lieben und geliebt zu werden. Diese Liebe – Illusion von Natur – folgt einer offenbar unbeschränkten Lizenz zur Projektion. So entstehen kleine Doppelgänger menschlicher Wünsche und Erwartungen. Sie verkörpern pädagogische Ambitionen oder erotische Bedürfnisse, zärtliche oder aggressive Impulse, Macht oder Reichtum; häufig fungieren sie als Medien sozialer Distinktion, als individuelle Accessoires von Lebensstilen und Weltanschauungen. Im Park können einander die verschiedensten Charaktere begegnen: die alte, gebückte Frau mit ihrem verfetteten Dackel, der Bodybuilder mit Goldkette und Kampfhund, das Kind mit seinem Hündchen als lebendigem Spielzeug, die elegant gekleidete Dame mit einem Pudel, Gruppen von Punks und abgemagerten Hunden, die ihre Herren mit geducktem Kopf und angelegten Ohren umkreisen. Züchtung als Design: Welcher Kontrast zu den alten Geschichten vom Spiel der Offenbarungen und Verwandlungen, der Transgressionen zwischen Tieren, Göttern und Menschen! In Ovids »Metamorphosen« kann nachgelesen werden, wie sich Zeus als Schwan oder Stier maskierte, um Leda oder Europa zu verführen. Die Pointe: Schwäne und Stiere waren attraktiver als irgendwelche Männer. Und die Liebe zu ihnen blieb nicht folgenlos: Die Affäre zwischen einem Stier des Poseidon und der Pasiphaë, Gemahlin des kretischen Königs Minos, endete mit der Geburt des Minotaurus, und Leda wiederum legte zwei Eier, aus denen die trojanische Helena und die beiden Dioskuren Castor und Pollux schlüpften.

3.

Gegen die Protagonisten solcher Mythen wirken die städtischen Schoß- und Heimtiere wie Karikaturen, wie fleischgewordene Gespenster, die über Nacht – Wunsch- und zugleich Schreckensvorstellung der Kinder – zum Leben erweckt wurden. So abwegig ist diese Vorstellung übrigens gar nicht: Manche Neuzüchtungen von Katzen- oder Hunderassen – mit strategischer Betonung des »Kindchen-Schemas« der großen Augen und Köpfe – erzwingen geradezu die Assoziation mit Vorbildern aus dem Spielwarenladen. Seit wenig mehr als einem Jahrhundert gehören ja auch die Stoff- und Plüschtiere, diese stummen Bewohner zahlreicher Kinderzimmer, zur städtischen Fauna. Ihre Geschichte klingt wie ein Märchen. Im Jahr 1880 verkaufte die Besitzerin eines Kleidergeschäfts in der Nähe von Ulm einen Filzelefanten als Nadelkissen; der Elefant wurde rasch populär, jedoch nicht bei nähenden Müttern, sondern bei deren Kindern. Sechs Jahre später wurden bereits mehr als fünftausend Elefanten produziert; andere Tiere und Puppen – Trachtenpaare, Matrosen, Gärtner und Schäfer – ergänzten das rasch wachsende Sortiment. Kurz nach der Jahrhundertwende erfand ein Neffe der Firmengründerin einen Stoffbären mit Mohairfell, der 1903 auf der Leipziger Messe erstmals präsentiert wurde. Der Bär war ein Welterfolg – zumal er in den USA rasch mit Präsident Theodore Roosevelt, einem begeisterten Bärenjäger, assoziiert wurde: zuerst als »Teddy’s Bear«, und dann als »Teddybear«. Noch im selben Jahr wurden zwölftausend Bären produziert, vier Jahre später bereits fast eine Million. 1909 verstarb Margarete Steiff, die in knapp dreißig Jahren den Aufstieg eines Filzladens zum Weltkonzern erlebt hatte.

Matt Cartmill hat diese exemplarische Erfolgsgeschichte als Effekt eines »Bambi-Syndroms« charakterisiert. Die Kinderspielsachen, so bemerkt er, haben im 20. Jahrhundert eine »Tendenz zum Tier entwickelt. Zwar wurden im 19. Jahrhundert gelegentlich Stofftiere für Kinder hergestellt, etwa der Gingham Dog und die Calico Cat aus Eugene Fields Gedicht ›The Duel‹, aber sie waren nicht üblich. Als das Teddybärfieber 1906 in den Vereinigten Staaten ausbrach, gab es ernsthafte Debatten über die Auswirkungen, die Stofftiere auf Kinder hätten; manche befürchteten, daß kleine Mädchen, die mit Plüschbären spielten statt mit Puppen, nicht richtig auf ihre Mutterrolle vorbereitet würden. Obwohl Teddybären keinen Einbruch der Geburtenrate in den Vereinigten Staaten zur Folge hatten, bewirkten sie doch einen dauerhaften Wandel in der Einrichtung des Kinderzimmers. Als Archetypen haben sie die dem Arbeits- und Menschenleben nachempfundenen Spielsachen – Puppen, Trommeln, Trompeten, Kindergewehre, Schaukelpferde – zu einem großen Teil verdrängt, die das 19. Jahrhundert mit Kindheit verband (und die in herkömmlichen Darstellungen immer noch aus dem Sack des Weihnachtsmannes hervorlugen). Es ist unklar, weshalb es zu dieser Animalisierung der Kinderkultur gekommen ist, und der Wandel ist bemerkenswert unkommentiert geblieben.« (1) – Dieser »Wandel« hat jedenfalls dazu geführt, daß die neuen Haustiere, die »pets«, inzwischen eher den Teddybären gleichen, als irgendwelchen lebendigen Tieren – unabhängig davon, ob sie den Kindern als Geschwister oder Elternersatz aufgedrängt werden, oder ob sie den alten, vereinsamten Menschen als solitäre Doubles, als lebendige Psychopharmaka dienen sollen.

4.

Aktuelle Zoologie: Ein Bogen spannt sich von den zu Fleischmaterial reduzierten (und sonst durch Maschinen ersetzten) Haustieren bis zu den Schoß- und Heimtieren, die ihr materielles Komplement in den Stoff- und Kuscheltieren der Spielwarenindustrie gefunden haben. Alle diese Entwicklungen haben sich jedoch vor dem Hintergrund einer kulturellen Ausbreitung von Bildern vollzogen, die mehr oder weniger offensichtlich um Tiere kreisen. Wer etwa über die Auftritte von Tieren im Film sprechen will, wird rasch überfordert: als sollte er über Tiere in Mythen, Fabeln und Märchen sprechen. Kaum ein Mythos, eine Fabel oder ein Märchen kommt ohne Tiere aus – und ähnlich verhält es sich mit den Filmen. Tiere sind in Filmen überall anwesend: als Haupt- und Nebenrollen, als Allegorien und Symbole, als Verkörperungen von Wünschen oder Ängsten. Tiere agieren in Spielfilmen, Fernseh-Serien oder Dokumentarfilmen; wie Kleidung, Frisur und Accessoires können sie bestimmte Züge eines Charakters betonen oder abschwächen. Wollte man eine Rangliste der Tiere erstellen, die in Filmen verkörpert werden, so würden wohl die sprechenden Tiere den ersten Platz erobern. Dem Publikum wird gleichsam suggeriert, es könne die Sprache der Tiere verstehen, ohne den bequemen Stuhl im Kino verlassen zu müssen: als kollektiver Dr. Doolittle, dem alle Lebewesen von selbst erzählen, was sie erfahren haben und wie es ihnen geht. (Nur Donald Duck braucht eigene »Voice-Pills« – in »Donald’s Dream Voice« von 1948 –, um beim Bürstenverkauf und Heiratsantrag nicht mehr zu quaken.)

Auch in der Werbung sind Tiere ubiquitär. Automobile waren von Anfang an mit Pferdestärken assoziiert, also mit jenen Tieren, die sie faktisch ersetzten, darüber hinaus mit Hunden, Käfern, sogar mit Nashörnern (in der VW-Polo-Werbung von 1994). Airlines operierten natürlich mit Vögeln – bekanntes Beispiel: der Lufthansa-Kranich. Tiger (im Tank), Elefanten, Bären (zuletzt für Toilettenpapier), Kamele (Camel-Zigaretten), Zebras, Nilpferde, Gazellen (in mancher Parfumwerbung), Hirsche (womöglich als sprechende Geweihe an der Wand, wie in der Jägermeister-Werbung). Kein Tier ist so unpopulär, daß es nicht für Werbezwecke eingesetzt werden könnte: Schlangen, Spinnen, Fledermäuse oder der Frosch (im Logo der Firma Erdal). Milka-Schokolade hat die Kühe so erfolgreich okkupiert, daß immer mehr Kinder – nach neuesten Umfragen – glauben, eine normale Kuh sei nicht schwarz, braun oder weiß gefleckt, sondern lila. Und die Beispiele lassen sich fast beliebig vermehren, wobei die Werbung für Katzen- oder Hundefutter noch gar nicht erwähnt wurde: »Schau mal, ein Cesar-Hund!« Wider Willen fungieren die Tiere längst schon als Werbeträger, ohne daß es nötig wäre – wie im Film »Fierce Creatures« von 1997 (mit John Cleese und Jamie Lee Curtis) – dem Tiger ein Esso-Plakat auf den Leib zu kleben. Doch darauf kommt es längst nicht mehr an. Im 20. Jahrhundert ist die virtuelle Gestalt der Tiere übermächtig geworden: in immer schneller wechselnden Rhythmen werden die Tiere kulturell codiert, decodiert und wieder neu codiert. Die Perspektiven lassen sich beliebig austauschen: ein lebendiges Korrektiv kommt nicht mehr in Betracht.

Anmerkung: Matt Cartmill: Tod im Morgengrauen. Das Verhältnis des Menschen zu Natur und Jagd. Übersetzt von Hans-Ulrich Möhring. München/Zürich: Artemis & Winkler 1993. Seite 225 f.

Über Veronika Olma

Malerin, Kynikerin und Bazifistin ( www.olma.de)
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