Gebrauchsgegenstand Tier


02.12.2005 / Annette Poppenhäger (Kulturzeit) / hs
Gebrauchsgegenstand Tier

Thomas Macho

Für Kulturwissenschaftler Thomas Macho liegt der Grund für das veränderte Verhalten des Menschen zum Tier darin, dass wir nicht mehr mit Tieren zusammen arbeiten. „Über Jahrtausende war das Verhalten des Menschen zum Tier davon geprägt, dass er mit ihm zusammen gearbeitet hat und darin den Tieren auch sehr ähnlich war. Dieses gemeinsame Verhältnis zum Leben und Überleben ist seit 250 Jahren verloren. Seither sind Tiere Luxus- oder Nutztiere, die wir gar nicht mehr sehen. Früher hat man Tiere auch geschlachtet, aber man kannte sie, man hat sie aufgezogen. Das war eher ein Ritual. Heute vergessen wir oft, dass das Fleisch, das wir im Supermarkt abgepackt kaufen, überhaupt mal etwas mit Tieren zu tun hatte.“

Industrielle Verwertung zum menschlichen Wohl  © AP

Versuchstiere – auf einen Zweck reduziert, behandelt, begutachtet, benutzt – und aussortiert wie ein Gebrauchsgegenstand. Mit dem Verschwinden der Tiere aus unserem Alltag setzte die folgenschwere philosophische Konzeption des Tiers als ein Lebewesen ohne Geist und Seele ein. Erst die scharfe Abgrenzung zwischen Mensch und Tier erlaubt die industrielle Verwertung zum menschlichen Wohl – das Tier als Maschine.

Über Jahrtausende sei der Unterschied zwischen Tier und Mensch nicht sehr betont worden, sagt Macho. „Dann gab es die Phase, in der man versucht hat, den Unterschied scharf zu fassen. Heute gerät das alles wieder in Unordnung, durch die Kognitionswissenschaften, die Nano-Biologie und die gentechnologische Forschung. Wenn man weiß, dass man zu 98 Prozent mit den Schimpansen verwandt ist, dann relativiert das schon einiges, auch wenn ich die Nachricht erschreckender fand, dass wir von unserer biologischen Ausrüstung her zu 48 Prozent mit irgendwelchen Blattwürmern, Fruchtfliegen und ähnlichem verwandt sind.“

Übersteigerte Tierliebe

„Wir haben heute keine Haustiere mehr, sondern Schoßtiere“  © zdf

Die Kehrseite der restlosen Verwertung ist die übersteigerte Tierliebe. Tiere werden wie Ikonen, idealisiert und mit Symbolen überfrachtet. Haustiere werden zu plastisch formbaren Wesen, um willkürliche menschliche Bedürfnisse zu stillen. Sie werden gezüchtet, um die Kuscheltiererwartungen zu erfüllen. „Wir haben heute keine Haustiere mehr, sondern Schoßtiere“, stellt Macho fest. „Diese Schoßtiere, die wir lieben, und die wir nicht missen wollen, sind eigentlich funktionslos. Ihre Funktion besteht darin, die Illusion des Liebens und Geliebt werdens zu erzeugen. Dafür werden sie gezüchtet und produziert.“

„Der wirkliche Tierblick ist flüchtig“  © dp

Tiere sehen uns an, glauben wir zumindest, besonders gern bei unseren nächsten Verwandten aus dem Tierreich. Der Blickkontakt mit einem Tier wird von der Fotografie täuschend echt suggeriert. Auch dies ist eine Art Abbitte in der Jahrtausende alten Geschichte von Kampf, Unterwerfung und Missbrauch. Eine sentimentale Utopie. „Tiere blicken nicht so, wie Fotografen es gerne hätten“, sagt Macho. „Fotografen können nur den Schein dieses Blickes einfangen. Was die Tierblicke auszeichnet, ist das Flüchtige. Alles andere ist Starren. Und das ist nicht nur bei den Gorillas etwas, was als unhöflich gilt und vermieden wird. Es hat mit Dominanz und Machtkampf zu tun. Der wirkliche Tierblick ist sehr flüchtig und vorübergehend.“

Individualität von Haustieren
Jo Longhursts Whippets

Neueste Fotoarbeiten gehen der Frage nach der Individualität von Haustieren nach. Es ist der Versuch einer Annäherung auf Augenhöhe, wie bei Rosemarie Trockels Hundeporträts. Die Whippets der englischen Fotografin Jo Longhurst, (ursprünglich Jagdhunde, heute vor allen Lieblingsobjekt für Züchter,) stellen die Frage nach Norm und Abweichung, dem Verhältnis von Herr und Hund – Individualität und Differenz. Wir sollten nicht der Illusion erliegen, Tiere zu schnell verstehen zu wollen. Ihre Andersartigkeit, die rätselhafte Differenz lässt uns Tiere immer wieder ansehen.

„TV: Im Palais: „Fürsorgliche Hunde, berechnende Katzen“

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Über Veronika Olma

Malerin, Kynikerin und Bazifistin ( www.olma.de)
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