Der Hund der Woche: Kunstgeschichte


Nicolas Régnier aus Maubeuge (um 1590-1667)

Nicolas Régnier aus Maubeuge (um 1590-1667)

BERLINER CARAVAGGIO-FORSCHUNGEN (II):
HERR UND HUND BEIM EPIGONEN RÉGNIER

Der Riesenköter auf dem Altar
Von Eberhard König

Von Hunden wimmelt es nicht gerade auf den älteren Bildern der europäischen Maler. Aber einzelne Exemplare, gern Mischlinge, weiß und braun oder weiß und schwarz gefleckt, gibt es doch so viele, dass Kurt Kusenberg, ein heute vergessener Humorist, einmal dem malenden Onkel die Weisheit zuschrieb: „Keine Allegorie ohne Hund!“
Nun durchstreifen einzelne Hunde gern Allegorien oder holländische Interieurs, aber was der Riesenköter auf einem Riesenbild in der Ausstellung „Caravaggio in Preußen“ zu suchen hat, wird sich doch manch ein Besucher fragen. Nicht Caravaggio, das Zentralgestirn der Ausstellung, sondern ein französischer Nachfolger des Meisters, dessen Werk erst jetzt wieder ins Bewusstsein tritt, Nicolas Régnier aus Maubeuge (um 1590-1667), schuf das monumentale Bild nach Caravaggios Tod, vielleicht um 1617. Für die Rekonstruktion des Oeuvres ist dieses Werk, das heute der Galerie in Sanssouci gehört, von eminenter Bedeutung; es ist die einzige zweifelsfreie Arbeit des Künstlers aus der Sammlung Giustiniani, die bis heute erhalten blieb.

Wettstreit mit Caravaggio
Dem Ausstellungskatalog zufolge war das Emmausmahl als Galeriebild für Vincenzo Giustiniani bestimmt. Dem widerspricht jedoch der Grundcharakter des Werks: Im Zentrum steht nicht die biblische Erzählung, sondern eine streng liturgische Handlung. Der Maler hätte schildern können, wie die zwei Jünger von Emmaus den frisch Auferstandenen erst beim Mahle daran erkannten, dass er das Brot brach. Doch daraus macht Régnier eine Altarzeremonie im strengen Sinne. Christus hat das Brot bereits gebrochen, legt seine Linke darauf und erhebt die Rechte zum Segen. Er beschwört damit die Doppelnatur von Substanz und Transzendenz in der Wandlung, mithin den Kern des Messwunders der Eucharistie. Sinnvoll passt dazu der Tisch im Bild. Er ist mit einem weißen Tuch bedeckt, das zur Entstehungszeit nur eine Assoziation herausforderte: So deckte man den Altar, das Gemälde muss man sich folglich über einem realen Altartisch vorstellen. Künstlerisch tritt der junge Maler Régnier durch dieses Werk in Wettstreit mit Caravaggio selbst, der in zwei viel bewunderten Versionen dasselbe Geschehen schilderte; die beiden Bilder hängen heute in der Londoner Nationalgalerie und der Mailänder Brera. Beide sind für Altarschmuck wenig geeignet. Das ist bei Régnier anders: Er gibt den Auferstandenen und die beiden Jünger von Emmaus in ganzer Lebensgröße und bietet über ihnen noch eine weite Bildfläche, so dass ein eindrucksvolles Altarformat von 2,82 auf 2,22 Meter entsteht. Über Caravaggio ist bekannt, dass einige Altarbilder von den Kirchen zurückgewiesen wurden und dann in Galerien Aufnahme fanden. Von einer entsprechenden Situation Régniers hingegen ist nichts überliefert. Selbst wenn es mehrere Gemälde entsprechenden Formats gegeben haben mag, die gleich für die Galerie konzipiert waren, spricht doch die liturgische Durchdringung des Themas für nur eine mögliche Bestimmung: einen Altar, auf dem das Bild aber nie ankam. Umso aufregender ist die Frage nach dem Hund. Was soll ein solches Riesenvieh auf dem Altar? Wer den Marchese Vincenzo kennt, weiß von seiner Jagdleidenschaft, die sich in einem Traktat niederschlug. Das mag schon beim Inventar der Sammlung Giustiniani eine Rolle gespielt haben, wo man dieses Bild ausdrücklich als ein Emmausmahl „mit dem Bildnis der Hündin Dama“ bezeichnete. Solche Quellenlage genügt, hierin eine doppelte Ehrbezeugung zu sehen: an Régniers Vorbild Caravaggio und an den jagdversessenen Hundeliebhaber Giustiniani. Wenn Régnier tatsächlich „in eine heilige Szene etwas aus dem täglichen Leben seines Mäzens einfügte“ – so Annick Lemoine im Katalog – nähme das Potsdamer Emmausmahl in der Gattungslehre eine Stellung zwischen dem frommen und dem profanen Bereich ein.

Aufpassen wie ein Schießhund

Als Hundeporträtist hätte Régnier freilich eine unerhörte Kühnheit begangen – denn was bietet ein Bildnis ohne das Gesicht? Von der Hündin Dama, so sie denn wirklich gemeint ist, sieht man nur den gut gestopften Leib mit einem seidig-elfenbeinweißen Fell, schwarzem Halsband und schwarzen Ohren. Das Tier richtet seine Aufmerksamkeit inquisitorisch auf den Jünger rechts, als wache es nur darüber, ob dieser den Herrn angemessen erkennt. Nur eine Bedeutung kann sich dahinter verbergen. Wie ein Schießhund passt das Tier auf, dass des Herrn Botschaft richtig aufgenommen wird. Diese Aufgabe aber maßten sich zurzeit des Malers und seines Mäzens Vincenzo Giustiniani die Ordensbrüder an, die sich nur allzu gern als „Hunde des Herrn“ bezeichneten. Mit den lateinischen Worten dafür, domini canes, assoziierten die Dominikaner ihren Ordensnamen. Als Hunde des Herrn hatten sie es gar nicht mehr nötig, das Mysterium der Eucharistie zu verstehen, wohl aber passten sie auf, dass den anderen dabei nichts durcheinander ging. Deshalb war ihnen die Inquisition anvertraut. Schon im Mittelalter ließen sich die Dominikaner als schwarzweiße Hunde darstellen; noch heute sind die Hunde des Herrn daran zu erkennen. Zwar mag es beim Marchese wirklich eine Hündin Dama gegeben haben, die so aussah wie auf dem Potsdamer Bild. Doch am Tisch des Herrn im Gasthaus von Emmaus wird daraus ein domini canis, der jene Ordensleute vertritt, die als Beichtiger im Palast wirkten und denen der Kardinal wie Giustiniani nahe standen. Für einen Altar dieses Ordens wird das Bild geplant worden sein; warum es dort nie ankam, hing womöglich auch mit dem Hund zusammen. Denn vielleicht fiel es schließlich doch empörend ins Auge, wie er inquisitorisch die Wahrnehmung des Wunders durch Christi Jünger überwacht. Am Ende war es wohl doch zu gewagt, aus der Hündin Dama des Marchese den Hund des Herrn zu machen.

Das Abendmahl in Emmaus
Michelangelo Merisi da Caravaggio, 1601
Öl auf Leinwand, 141 cm × 196,2 cm
National Gallery (London)

Anmerkung in eigener Sache: Leider gibt es bei dem hochverehrten Michelangelo Merisi da Caravaggio unserer Kenntnis nach keinen einzigen Hund in dessen Gesamtwerk. Deswegen griffen wir auf das Bild von Nicolas Régnier zurück.

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Über Veronika Olma

Malerin, Kynikerin und Bazifistin ( www.olma.de)
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