Wellness


Ferkel und ihre Mütter dürfen in der Massenzucht keine normale Beziehung zueinander eingehen. (Bild: picture alliance / dpa / Emily Wabitsch)Ferkel und ihre Mütter dürfen in der Massenzucht keine normale Beziehung zueinander eingehen. (Bild: picture alliance / dpa / Emily Wabitsch)

Unser Fleischkonsum ist nicht zu rechtfertigen

Wie Schweine unter Massentierhaltung leiden

Von Hilal Sezgin

Bei der Messe „euroTier 2012“ in Hannover werden neue Methoden für Zucht, Fütterung, Haltung und Gesundheit von Tieren vorgestellt. Das Tierwohl hat die Agrarindustrie aber nicht im Blick, meint Hilal Sezgin. Kein Wunder: Den Bedarf der Konsumenten könnten sie sonst nicht decken.

Manchmal weiß man gar nicht: Meinen die das jetzt noch ernst, oder ist das schon Realsatire? Die Welten liegen so weit auseinander … Da verspricht der eine Wellness, der andere sieht: Albtraum! In meiner Welt zum Beispiel denkt man bei Wellness an Dampfbäder, erhitzte Steine auf dem Rücken, dazu Yin-und-Yang-Musik.

Schweinezüchter hingegen meinen mit Wellness etwas ganz Anderes. Weil aber in verschiedenen Welten verschiedene Sprachen gesprochen werden, muss man zunächst einmal übersetzen: „Abferkeln“ heißt: Ferkel zur Welt bringen. Der „Abferkelstall“ ist der Stall, in dem Ferkel die ersten Lebenswochen an der Mutter saugen.

Allerdings kann sich ihre Mutter weder bei der Geburt nach ihnen umdrehen noch ihnen ein Ferkelnest bauen, wie es ihr der Instinkt eingibt. Genau genommen kann sie überhaupt nichts als fressen, scheißen und liegen; denn eine säugende Sau wird so fixiert, dass nicht einmal eine Drehung um die eigene Achse möglich ist.

Im Abferkelstall sind „Ferkelschutzkörbe“ Standard; und so ein „Ferkelschutzkorb“ ist nicht etwas Feines und Gemütliches für die Ferkel, sondern ein Metallgitter, das ihre Mutter bewegungsunfähig macht und sie daran hindert, sich versehentlich auf ihre Ferkel zu legen.

Das kann Leben retten! „Leben retten“ heißt in der Sprache der Schweinezüchter, dass die Ferkel vor der Mutter geschützt werden, damit sie schnell wachsen und wohlbehalten geschlachtet werden können.

Die heutige Landwirtschaft ist voller Euphemismen. Eigentlich sollte man bei dieser Tierhaltung auch gar nicht mehr von Landwirtschaft sprechen, sondern von Agrarindustrie. Es ist eine Industrie, die Leben zurechtstutzt, bis es in die Fabriken passt. Ich nenne sie daher: eine Frankenstein-Industrie. Denn in den Labors verschiedener Firmen mischen Veterinärmediziner und Biologen die Gene, bis es kracht. Zum Beispiel will man immer mehr Ferkel; die Wurfgröße ließ sich von etwa einem Dutzend auf bis zu zwanzig Ferkel raufzüchten.

Problem: So eine Sau hat aber nur 14 Zitzen! Auch das lässt sich ändern: Es gibt inzwischen Züchtungen mit 16 Zitzen. Nächstes Problem: Mit endlos vielen Ferkel klappt die Milchversorgung nicht. Ferkelzahl also doch wieder runterzüchten?

Kleiner Sprung zur Hühnerhaltung: Jeder kennt die Bilder von fast federlosen, lädierten Hühnern; die frustrierten, aggressiven, eingesperrten Vögel rupfen einander die Federn aus – ein Problem. Und die Lösung: Man erwägt, blinde Hühner zu züchten. Blinde Hühner können ja die Federn der anderen nicht sehen, ergo nicht ausrupfen. Andere Idee: nackte Hühner. Da ist von vornherein nichts zum Rupfen! Ja, so pfiffig ist die Frankenstein-Wissenschaft.

Und wir Konsumenten finanzieren sie kräftig mit. Wir sprechen gern von Massentierhaltung, als sei das ein zwar bedauerliches, aber vermeidbares Übel. Es ist nicht vermeidbar. Nicht, wenn wir darauf bestehen, in Deutschland jedes Jahr 60 Millionen Schweine und 700 Millionen Hühner zu schlachten und zu essen. 700 Millionen – kann sich jemand diese Menge vorstellen? Wenn die glücklich und frei leben sollen – WO sollen die denn leben?

Und alles, was wir an Verbesserungen diskutieren – das ist doch nur Kosmetik. Wir feilschen um Zentimeter, um Spaltenbreiten, um Luftvolumen und Ammoniakhöchstwerte …

Auf der Messe Eurotier werden sogar Abferkelboxen vorgestellt, wo der Kopf der Sau draußen im Freien liegt, weil Ferkel es warm brauchen, Sauen es aber gerne kühl haben. Ist eine Sau mit solch einer Klimabox etwa ein zufriedenes Schwein? Sind Sauen keine Säugetiermütter, die ihre Kinder auch einmal SEHEN, sie reinigen, sie zärtlich ablecken wollen?

Nein, unser heutiger Fleischkonsum ist einfach nicht zu rechtfertigen, denn wir nehmen den Tieren gleich zwei Mal das Leben. Einmal, indem wir sie schlachten, und dann: weil sie schon vor dem Tod nur dahinvegetieren. Das ist nicht Wellness. Das ist auch nicht „artgerecht“. Das ist nicht mal Leben.

Hilal Sezgin (Bild: privat)Hilal Sezgin (Bild: privat)

Hilal Sezgin, geboren 1970, studierte Philosophie in Frankfurt am Main und arbeitete danach mehrere Jahre im Feuilleton der Frankfurter Rundschau. Jetzt lebt sie als freie Schriftstellerin und Journalistin in der Lüneburger Heide. Sie schreibt u.a. für DIE ZEIT sowie als Kolumnistin für die Meinungsseite der taz, das Feuilleton der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung. In Buchform erschienen zuletzt ihr Bericht „Landleben. Von einer, die raus zog“ (DuMont Buchverlag 2011) sowie der Sammelband „Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu“.

Über Veronika Olma

Malerin, Kynikerin und Bazifistin ( www.olma.de)
Dieser Beitrag wurde unter Des Pudels Kern, laut bellen, Politik. Der dicke Hund., winseln abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Wellness

  1. Hubert Laxen schreibt:

    „Ferkel und ihre Mütter dürfen in der Massenzucht keine normale Beziehung zueinander eingehen.“ Diese Behauptung ist Unsinn!
    In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit. Leider ist nicht alles was Menschen so von sich geben fachlich richtig. Das trifft auch auf diesen Beitrag zu. Frau Sezgin hat sicherlich ein umfangreiches Wissen zum Thema Philosophie angeeignet. Jedoch erscheint das Wissen zu Biologie und Agrarwissenschaften für dieses Thema zu kurz gekommen zu sein.
    Zunächst sollten die Begriffe „artgerecht“ und „tiergerecht“ mal deutlich differenziert werden. Artgerecht gilt sicherlich für Wildtiere die in einem Tierpark oder Zoo gehalten werden. Hier ist besonders auf die Bedürfnisse der Tiere zu achten die diese aus der Natur mitbringen. Etwa anders sieht das bei Nutztieren aus, die durch züchterische Selektion über vielen Generationen aufgrund positiver Merkmale zur Zucht ausgewählt wurden. Diese domestizierten Tieren werden fast immer tiergerecht in landwirtschaftlichen Betrieben gehalten. Die modernen Haltungsverfahren werden dabei von bäuerlichen Familienbetrieben genauso eingesetzt wie in einer Intensivtierhaltungen mit größeren Beständen. Das mag dann nach Aussen Industrielle Formen annehmen, aber die Tiere werden dabei auch von vielen Beschäftigten betreut und es kommt nicht auf die absolute Anzahl der Tiere an, sondern auf das sogenannte Einzeltierwohl. Unterstützt wird dies durch automatische Systeme zur Fütterung und ganz wichtig zur Überwachung der Tiere. So sind Kennzahlen zum Gesundheitsstatus des Tieres permanent abrufbar und es kann sofort reagriert werden falls ein Tier nicht gesund ist.
    Familiengeführte und -betreute Bestände gefallen mir als Landwirt jedoch deutlich besser als „Industrielle Intensivanlagen“ die nur ca. 3% der Betriebe ausmachen.
    Massentierhaltung ist ein Schlagwort, welches von denen gerne benutzt wird, die die Nutztierhaltung grundsätzlich ablehnen. Veganern stelle ich diesbezüglich jede Glaubwürdigkeit und Unvoreingenommenheit in Abrede. Gleichwohl toleriere ich aber deren Verzicht auf Produkte tierischen Ursprungs. Ich nehme für mich aber auch das Recht in Anspruch nicht auf diese Genüße zu verzichten!
    Neben den konventionellen Landwirten gibt es eine ganze Anzahl von Biobetrieben die den Lebensmitteleinzelhandel beliefern und auch deutlich mehr als 3000 Mastchweine, 40.000 Hähnchen oder 250 Milchkühe halten.
    Was glauben Sie eigentlich Frau Sezgin von was diese Landwirte und ihre Familien bei den Erzeugerpreisen leben sollen?
    Sie glauben hoffentlich nicht die Weisheiten vieler „Grüner“, das ein Bauer seine Produktion nur auf Ökö umstellen muss und schon ist sein Einkommen gesichert. Viele die umgestellt haben steigen nach drei bis fünf Jahren bereits wieder aus der Ököproduktion aus!
    Mein Vater hat bis 1985 einen landwirtschaftlichen Gemischtbetrieb mit 44 ha geführt. Mein Bruder führt diesen sein 1987 als spezialisierten Schweinemastbetrieb mit 900 Mastplätzen fort. Wenn er sich nicht spezialisiert hätte, gäb es den Betrieb heute schon nicht mehr. Auf Tierhaltung zu verzichten und reinen Ackerbau zu betrieben bringt bei dieser Betriebsgröße kein ausreichendes Familieneinkommen, von notwendigen Rücklagen für Investitionen ganz zu schweigen.
    Viele die in der heutigen Zeit meinen „schlaue“ Kommentare zur Landwirtschaft abgeben zu können fehlt häufig der Überblick zum notwendigen Fachwissen und fast immer die Nähe zum landwirtschaftlichen Betrieben. Das was im Fernsehn dazu gezeigt wird und was manche Kamera dazu bei Dunkelheit heimlich in Ställen aufnimmt, wird aufwendig im Schneideraum zu zusammengeschnitten. Eine unvoreigenommene Meinungsbildung ist bei diesen Beiträgen seitens des Betrachter dann nicht möglich.
    Übrigens dient der Ferkelschutzkorb zunächst nicht nur dazu die Ferkel vor dem Erdrücken durch die Sau zu schützen. Viele Sauen legen nach der Geburt ein sehr mütterliches Verhalten an den Tag und wollen Ihren Nachwuchs schützen. Nicht jede Sau erkennt in dieser Situation ihren Nachwuchs und unterscheidet dabei nicht zwischen Freund und Feind. In der Natur und in der Ökohaltung bedeutet das für die Ferkel dann nichts Gutes. Ja, die Sau hat ein natürliches Verhalten zum Nestbau, welches aber nicht in jeder Haltungsform uneingeschränkt möglich ist. An Lösungen hierzu wird gearbeitet. Ferkel benötigen aber nicht zwingend Stroh und anderes Naturmaterial welches durch Pilze und Krankheitserreger kontaminiert sein kann. Ist die Einstreu zu dick aufgetragen besteht für die Ferkel ein Hindernis und hindert diese daran schnell genug vor der Sau zu fliehen, sollte sich diese hinlegen. Zu dünne Einstreu bietet den Ferkel keinen Schutz vor Unterkühlung. Besser ist hier eine wasserbeheizte Heizplatte, welche die Ferkel gerne annehmen. Eine Sau im Ferkelschutzkorb beschäftigt sich sehr wohl mit ihrem Nachwuchs und umgekehrt. Jedoch hat eine Sau nach der Geburt und in der kurzen Säugephase von ca. 3-4 Wochen ein sehr starkes Ruhebedürfnis. Die sehr hohe Milchleistung die das Tier in dieser Zeit den Ferkeln zur Verfügung stellt verlangt den Tieren sehr viel ab und liegt z.B. in Relation zu der Leistung einer Milchkuh in der gleichen Situation deutlich höher.
    Müttern die ein Kind stillen können diese Situation in den Wochen nach der Geburt ganz gut nachvollziehen. Da ist Frau nur nicht nur durch die homonelle Umstellung nur „platt“ und oftmals gereizt (BabyBlues!).
    Stimmt, auf der EuroTier wurde eine Box gezeigt die den Sauen ermöglich mit dem Kopf im Freien zu liegen und frische Aussenluft aufzunehmen, diese Box (sie meinen vermutlich die Etho-Box) zwingt die Tiere aber keinesfalls in dieser Lage zu verbleiben. Schweine können aufgrund fehlender Schweissdrüsen nicht Schwitzen. Da die Wohlfühltemeratur einer Sau bei ca. 17-18 °C liegt, die Ferkel aber im Ferkelnest je nach Alter zwischen 38°-28° benötigen ist ein Temperaturkonflikt im Abferkelstall vorprogrammiert. Ein Teil der Überschüssigen Körperwärme führt die Sau dabei über den Kontakt zu einem kühlen Boden ab (Gussroste und Betonböden sorgen für eine gute Ableitung der Wärme). Da ist es doch gut wenn die Sau den Kopf an die kühle Aussenluft halten kann oder diese in den Stall an den Kopf zugeführt wird.

    Frau Sezgin, ich bin mir sicher das Sie noch nicht sehr viele Ställe von innen gesehen haben und keine fünf Landwirte und deren Arbeitsalltag persönlich kennen.
    Wenn Sie dies ändern, würde sich Ihre Meinung sicherlich in einigen Punkten ändern.
    Es ist sicherlich nicht alles richtig was in der Praxis so läuft, aber man/frau sollte nicht alles glauben was geschrieben und gesendet wird!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s