Martin Usborne: The Silence of Dogs in Cars


Martin Usborne

heute entdeckt bei „Spiegel Online“ vom 24. 11. 2012 von Kristin Haug:

Drei Jahre lang fotografierte der Brite Martin Usborne einsame Vierbeiner in Autos – Momente, die des Künstlers Edward Hopper würdig wären. Jetzt versammelt Usborne die Aufnahmen in einem spektakulären Hunde-Bildband.

Viermal hintereinander ist er ans Meer gefahren. Er zog sich seine Jacke über, leuchtete die Szenerie aus, stellte seine Leiter auf und drückte ab. Der Fotograf Martin Usborne, schmal, jung und mit einer Brille auf der Nase, suchte den perfekten Augenblick. Um 5 Uhr morgens, irgendwo an der nordwalisischen Küste, fand er ihn.

Die Sonne war gerade aufgegangen, das Meer hat das Wasser nach innen gezogen, und Usborne fotografierte einen kleinen weiß-roten Bus mit einem Surfbrett auf dem Dach und einem Hund auf dem Sitz. Es ist sein Lieblingsfoto in seinem neuen Bildband „The Silence of Dogs in Cars“. Die Ebbe auf dem Bild etabliert eine Atmosphäre des Fehlens. Doch es geht Usborne nicht um das Wasser, das fehlt – es geht ihm um die Frauchen und Herrchen, die abwesend sind.

Usborne zeigt Golden Retriever, Huskys, Dalmatiner, Pitbulls und andere Hunde auf Beifahrer- und Rücksitzen von Autos. In Land Rovers, Subarus, Oldtimern oder zerkratzten, rostigen und zerbeulten Familien- oder Sportwagen scheinen sie sehnsüchtig auf ihre Frauchen oder Herrchen zu warten. Es sind stille Hunde mit großen Augen, traurigen Blicken, die apathisch oder aggressiv in einer parkenden Enklave ausharren müssen. Ihr Bellen, Hecheln und Sabbern kann der Betrachter nicht hören – nur sehen.

Drei Jahre lang zog Usborne durch die Straßen Großbritanniens und sprach Hundebesitzer an, ob er ihre Tiere fotografieren dürfe. Zugleich suchte er Autos und Orte, die den Vierbeinern gerecht werden könnten. Rund 300 Fotografien sind dabei entstanden, 40 davon vereint er in dem Buch.

Usborne hat die Aufnahmen nach einem inneren Gefühl ausgewählt, wollte aber auch so abwechslungsreiche Momente wie möglich zeigen. Er spielt mit Licht und Schatten, experimentiert mit Kontrasten und bindet Spiegelungen, Scheibenwischer, klebengebliebene Blätter, Regentropfen und Beschlag auf den Fensterscheiben mit ein.

Fehl am Platz wie Fische im Glas

Herausgekommen ist ein Album der Einsamkeit, das auch bei dem US-amerikanischen Maler Edward Hopper hätte im Schrank stehen können – so sehr hält Usborne das Alleinsein fest. In jedem Auto, das auf Parkplätzen, nebligen Waldwegen oder in Garagen abgestellt worden ist, liegt oder sitzt ein Hund, der verlassen wurde – fehl am Platz wie Fische im Glas und Löwen hinter Gittern.

Als Martin Usborne drei oder vier Jahre alt war, wurde auch er einmal abgestellt und musste in einem Auto auf seine Eltern warten. Er sagt, es sei nicht wichtig, wann und wo das gewesen sei. „Aber ich habe mich gefragt, ob jemand zurückkommen würde.“ In der Vorstellung eines Kindes sei es möglich, für immer allein zu bleiben. Usborne habe diese Erfahrung gehasst und will sie dem Leser mit „The Silence of Dogs in Cars“ vermitteln. „Erst haben sie Mitleid mit den Tieren, dann beginnen sie selbst, sich einsam zu fühlen“, schreibt die Dozentin an der University of New England, Susan McHugh, die sich mit Tieren in Literatur, Kunst und Medien beschäftigt, im Vorwort.

Viele Menschen behandelten Tiere sehr schlecht, weil er sie als etwas völlig anderes wahrnehme, sagt Martin Usborne. „Wir sind alle Tiere und Teil der gleichen, miteinander verbundenen Familie.“ Der Fotograf will darauf aufmerksam machen, wie schlecht der Mensch manchmal zu Hunden ist. Und er will den möglichen Gedanken der Tiere Ausdruck verleihen. Zwangsläufig stellen deren Blicke Fragen: Wann kommt das Frauchen zurück? Wie lange müssen sie warten? Kommt es überhaupt zurück?

Usborne glaubt, er könne mit seinem Bildband zwar Anteilnahme schaffen, aber kaum wirklich etwas für die Hunde tun. Deswegen tauscht er nun seine Rolle als Fotograf gegen die eines wahren Helfers ein. In einer Woche wird er nach Indien fliegen und dort in einer Auffangstation für vergiftete Hunde arbeiten. Sein eigener Hund, der Schnauzer Moose, wird ihn nicht begleiten. Usborne lässt ihn in London. Aber nicht in einem Auto, sondern bei seiner Verlobten.

Martin Usborne

Martin Usborne

Über Veronika Olma

Malerin, Kynikerin und Bazifistin ( www.olma.de)
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